Arne Haybach und Peter Haase

< Text enspricht der gleichnamigen Publikation in Natur und Museum 134(6): 189-191, Frankfurt a.M. vom 1.6.2004>

Sammlungsbelege der größten europäischen Eintagsfliege aus Deutschland im Senckenberg-Museums

 

Mit annähernd 4 cm Körperlänge ist Palingenia longicauda die größte europäische Eintagsfliege aus der Insektengruppe der Ephemeroptera, deren Larven bis zu drei Jahre für ihre Entwicklung benötigen. An ihren Fundgewässern sind in der Dämmerung des Monats Juni Massenschwärme von mehreren hunderttausend Tieren bekannt, so daß es sich sicherlich auch um eine der spektakulärsten Eintagsfliegenarten überhaupt handelt. Entsprechend früh ist sie den Anwohnern der großen Flüsse aufgefallen, und bereits aus dem 17. Jahrhundert ist uns durch den niederländischen Arzt und Pionier der Mikroskopie Jan Swammerdam (1675) eine umfassende Monographie überliefert worden

Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war diese expansive pontokaspische Art von Südosteuropa über das nordeuropäische Flachland westlich bis Holland verbreitet (Landolt et al. 1995). Gewässerverbau, Uferfestlegungen und übermäßige Belastung der großen Ströme haben allerdings nach der Industrialisierung Europas rasch zu einem flächenhaften Verschwinden dieser Art geführt, und heute ist sie nur noch von wenigen Reliktstandorten in Ungarn, hauptsächlich der Theiss, bekannt (z.B. Kovács et al. 2001, Kovács & Ambrus 2001).

Eine der detailliertesten Beschreibungen zur Biologie dieser Art stammt von dem Elberfelder Realschullehrer Carl Cornelius (Abb. 1), der mehrfach Exkursionen an die Lippe bei Hamm in Westfalen unternommen hatte, um Palingenia longicauda (Olivier 1791) zu studieren. Wie stark ihn diese Art fasziniert haben muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß Cornelius seiner Spezialgruppe, den Käfern des Rheinlandes und Umgebung, in fast 50-jährigem Studium nur wenige vergleichsweise geringmächtige Publikationen widmete. Über Palingenia verfaßte er jedoch einen Aufsatz von 37 Seiten mit 4 Tafeln und über 20 Figuren mit

Darstellungen aller Stadien vom Ei bis zur Imago, der auch heute noch sehr gehaltvoll und studierenswert ist (Cornelius, 1848). Neben den Funden von Triebke (1840) von Garz an der Oder im heutigen Bundesland Brandenburg ist der Fundort an der Lippe der einzige, der aus dem jetzigen Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zweifelsfrei gesichert ist (vgl. auch Russev 1987).

Bislang mußte jedoch davon ausgegangen werden, daß kein Material aus Deutschland die Jahrhunderte überdauert hat. Zum Verbleib der Stücke aus der Sammlung von Triebke ist uns nichts bekannt, und es dürfte wahrscheinlich nicht mehr existieren.[ Anm.: Wohl ein Irrtum: Nach Jacob, 1972: Beitrag zur autochthonen Ephemeropterenfaun in der Deutschen Demokratischen Republik.- Diss. A Karl-Marx-Universität Leipzig, befindet sich in der "Leipzig Collection 1 ♂ mit Fundangabe Pommern, den der Autor auf Triebkes Fund beszieht.]

Zu Cornelius hingegen lesen wir auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft rheinischer Koleopterologen: „Die Sammlung Cornelius ging nach seinem Tode zuerst an den Naturwissenschaftlichen Verein zu Elberfeld, später an das Naturhistorische Museum Elberfeld und wurde letztlich im 2. Weltkrieg zerstört“. Herr Dr. Hoenemann vom Fuhlrott-Museum Wuppertal bestätigte uns auf gezielte Nachfrage nach Resten der Sammlung ebenfalls brieflich den vollständigen Verlust der Sammlungen von Cornelius. Es kann daher als glücklicher Umstand betrachtet werden, daß Cornelius u.a. auch mit dem Frankfurter Koleopterologen Lucas von Heyden (1838-1915) im Austausch gestanden hat, dessen Sammlung nach seinem Tode der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft vermacht worden ist. Jedenfalls fanden wir bei einer routinemäßigen Überprüfung von Eintagsfliegen aus der Sammlung von Heydens insgesamt acht genadelte Stücke von Palingenia longicauda (Abb. 2). Es handelt sich um verschiedene Stadien (Larvenexuvien, männliche Subimago, in Häutung befindliche Imago, ein Männchen und ein Weibchen) sowie ein aufgeklebtes Eipaket, alle mit Etikett wie in Abb. 3, welches die zu dieser Art bekannten Synonyma und jeweils das genadelte Stadium, die Herkunft und den Sammler benennt.

 

Dank

Dr. Tim Laussmann (Naturwissenschaftlicher Verein Wuppertal e.V.) und Dr. Wolfgang Hoenemann (Fuhlrott-Museum Wuppertal) danken wir für ihre Bemühungen und Auskünfte zum Sammlungsverbleib der Coll. Cornelius sehr herzlich. Herrn Frank Köhler (Naturhistorischer Verein der Rheinlande und Westfalens e.V.) danken wir für die freundliche Überlassung der Abbildung von Cornelius und Dr. Reinhard Gaedike haben wir für die Reproduktionserlaubnis aus der Porträtsammlung des Deutschen Entomologischen Instituts (im Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung [ZALF] e.V). zu danken. Besonderer Dank gilt Frau I.rene Rademacher für ihre technische Unterstützung.

 

Verfasser: Dr. A. Haybach, Tannenweg 3, D-55129 Mainz. – Dr. P. M. Haase, Forschungsinstitut Senckenberg, Forschungsstation für Mittelgebirge, Lochmühle 2, D-63599 Biebergemünd.

E-mail: haybach@gmx.de, Peter.Haase@senckenberg.de

 

Schriften: Cornelius, C. (1848): Beiträge zur näheren Kenntnis von Palingenia (Ephemera) longicauda Olivier (Büschler). – 38 S.; Elberfeld.  Kovàcs, T. & Ambrus, A. (2001): Ephemeroptera, Odonata and Plecoptera larvae from the River Rába and River Lapincs. – Folia hist.-natur. Mus. Matraensis, 25: 145-162. Kovàcs, T., Juhàsz, P. & I. Turcsányi (2001): Ephemeroptera, Odonata and Plecoptera larvae from the River Tisza (1997-1999). – Folia hist.-natur. Mus. Matraensis, 25: 135-143. Landolt, P., Sartori, M., Elpers, C., & Tomka, I. (1995): Biological Studies of Palingenia longicauda (Olivier) (Ephemeroptera: Palingeniidae) in one of its Last European Refuges – Feeding Habits, Ethological Observations and Egg Structure; 273-281. – In: Corkum, L. D. & Ciborowski, J. J. H. (Eds.) Proc. 7. Int. Conf. on Eph., – Canad. Scholars Press Inc., Toronto, Maine

(1992).  Russev, B. (1987): Ecology, life history and distribution of Palingenia longicauda (Olivier) (Ephemeroptera). – Tijdschr. voor Entomol., 130: 109-127. Swammerdam, J. (1675): Ephemeri Vita. – 32+430, Amsterdam (engl. Übersetzung von E. Tyson, 1681, London).  Triebke (1840): Einige Bemerkungen über Ephemera flos-aquae Illiger. – Stettiner Entomol. Zeitschr., 1 : 54-58.

 

Konsultierte Internetseiten: (NICHT MEHR GÜLTIG!)

http://www.koleopterologie.de/arbeitsgemeinschaft-rheinischer-koleopterologen/historie/biografien/ahnen/ah nen-uebersicht.html

http://www.zalf.de/deid/biograph.phtml

 

1. Carl Cornelius (1805 - 1885). Porträtsammlung des Deutschen Entomologischen Instituts im ZALF e.V. mit freundlicher Genehmigung.

2. Genadelte Stücke von Palingenia longicauda in der Sammlung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Unten: ausgewachsene dreijährige Larve, rechts Männchen: beachte hier die namensgebenden langen Schwanzfäden (etwa 7-9 cm).

 

Palingenia longicauda im Senckenberg-Museum
Original Etikett

3. Original-Etikett (links) und Abschrift (unten)

Palingenia longicauda (Oliv[ier] ♂.
flos-aquae Illig[er]
Swammerdamiana L[a]tr[eille]
Aus der Lippe bei Hamm in Wes[t]phalen. Cornelius

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